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Zur Evolutionstheorie

 

Darwins Evolutionstheorie impliziert zwei Blickrichtungen. Die eine wurde differenziert ausgearbeitet, mit vielen empirischen Befunden belegt und bildet die kaum bestrittene Grundlage des heutigen Verständnisses von Leben: Alle Organismen stammen voneinander ab, aus den einfachsten Lebensformen hat sich die Vielfalt der Gestalten in Richtung immer höherer Komplexität entwickelt. Diese Entwicklung gipfelt in der biologischen Grundlage für die Entstehung von Bewusstsein und Selbstbewusstsein beim Menschen. Die Fähigkeit zu rationalem Denken kommt dem Menschen als dem höchstentwickelten Glied der langen Ahnenreihe zu.

Die zweite Blickrichtung wurde in einer wenig beachteten Tradition von Denkern und Biologen (z.B. Portmann, Goldstein, Jonas) gepflegt. Die Tatsache der gemeinsamen Abstammung aller Lebewesen impliziert, dass die Innerlichkeit, die der Mensch an sich erlebt und selbstverständlich für sich in Anspruch nimmt, und ebenso die Fähigkeit zur Selbstorganisation, allen Lebewesen zugesprochen werden muss - in proportionalen Graden in Richtung einfacherer Formen abnehmend. Innerlichkeit heisst beim Menschen – zumindest seit dem Niedergang des Behaviourismus: seine Äusserungen in Worten und Taten werden als Ausdruck seines Innenlebens aufgefasst, das die Möglichkeit der Kreativität mit einschliesst. Konsequenterweise müssen Lebensäusserungen wie Verhalten und Gestaltbildung im Tier- und Pflanzenreich in dieser Blickrichtung als Ausdruck eines sich selbst erschaffenden Inneren aufgefasst werden.

Diese Auffassung findet sich bereits bei Goethe. Wie manche modernen BiologInnen und PhilosophInnen hielt er die rein kausale, in der Physik angemessene Methodik für unzureichend zur Erfassung von Gesetzmässigkeiten, die für das Lebendige spezifisch sind. Zum Verständnis des Lebendigen forderte er eine Methode, die den sinnlich erscheinenden Teil der Lebewesen als Ausdruck einer konstituierenden „inneren Natur“ auffasst. Durch den Vergleich von Phänomenen, die sich ergeben, wenn ein Organismus verschiedenen äusseren Bedingungen ausgesetzt wird, ergeben sich Hinweise auf den Charakter dieser inneren Natur, die bei jedem Erscheinen in modifizierter Form auftritt. Rudolf Steiner hat die der von Goethe entwickelten Wissenschaft des Lebendigen implizite Erkenntnistheorie ausgeführt. In der Beschäftigung mit diesem Text, sowie mit Quellen von Goethe und anderen ganzheitlichen Denkern werden Denkanstösse gewonnen und es besteht Gelegenheit, in ein Denken einzutauchen, das einen Interpretationsrahmen für viele Ergebnisse der modernen Biologie abgibt, die auf dem Hintergrund des biologischen Mainstream-Denkens keine befriedigende Erklärung finden.

 

Ruth Richter

 

 

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