Traditionelle Heilpflanze mit aktuellem Potential

|   Heilpflanzen, Präparateforschung

Ruth Richter

Ein Gemeinschaftsprojekt mit Artemisia annua.

Die chinesische Medizinalpflanze Artemisia annua wird seit Jahrhunderten erfolgreich bei entzündlichen Prozessen und fiebrigen Infekten, auch bei Malaria, eingesetzt. Ihren Anbau im Rahmen der Saatgutarbeit des Vereins HORTUS OFFICINARUM hat ein Allgemeinarzt angeregt, der die Pflanze Patienten mit rheumatischen Schmerzen verordnet. Da Kraut und Tabletten aus dem Handel von teils fragwürdiger Qualität seien, wäre er an Produkten aus bio-dynamisch angebauten Pflanzen interessiert.

Als die Pflanzen auf dem Acker wuchsen, war inzwischen die Corona-Grippe zur Pandemie erklärt worden und wir erfuhren, dass Artemisia annua wegen ihrer antimikrobiellen, antiviralen und immunregulierenden Eigenschaften möglicherweise auch hier therapeutisch verwendet werden kann. Bei einem ersten Austausch zeigte eine Gruppe von Ärzten vitales Interesse an der Pflanze, was in regelmässigen gemeinsamen Feldbegehungen, Teedegustationen und vertiefenden Gesprächen zum Ausdruck kam.

Wir pflanzten sechs verschiedene Herkünfte an. Diese Varianten der gleichen botanischen Art entwickelten sich extrem unterschiedlich. Schon die Jungpflanzen waren bei zwei Herkünften – unter gleichen Bedingungen – deutlich stärker aufgerichtet als bei der dritten, bei der sich die Pflanzen noch wochenlang in der Entwicklung ihrer Rosette dicht am Boden hielten (siehe Abb. 1, links). Das helle, gelbliche Grün der ersten Gruppe hob sich von dem dunklen, fast blaugrünen Blattwerk der zweiten ab.

Die hellgrünen Pflanzen strebten in die Höhe und verzweigten sich kräftig. Schon im Juli erwarteten wir an den fein ziselierten Triebspitzen Blütenknospen, doch erst im September erschienen kleine grüne Knöllchen, die bald aus winzigen Blütchen Wolken von Blütenstaub entliessen. Bei den dunkler grünen Pflanzen fand diese Entwicklung viel langsamer statt. Auch sie wurden über zwei Meter hoch, streckten buschig mächtige, dicht beblätterte Zweige aus, aber erste Blüten konnten wir erst ab Mitte Oktober und nur etwa bei einem Drittel der Pflanzen finden. Zu dieser Zeit waren die Pflanzen der Variante, die zuerst vom Blühimpuls ergriffen worden war, bereits weitgehend abgestorben.

Die verschiedenen Herkünfte und daraus hergestellte Präparate wurden in der Gruppe verglichen und es wurden die unterschiedlichen Qualitäten der Typen im Blick auf ihre therapeutische Anwendung herausgearbeitet, die gegenwärtig erprobt werden. Dass innerhalb einer Art so gravierende Unterschiede im Ineinandergreifen von vegetativen und generativen Kräften auftreten können, zeigt erstens, dass die Saatgutherkunft für die Qualität der pflanzlichen Heilmittel eine wesentliche Rolle spielt. Zweitens, dass eine Zusammenarbeit zwischen Ärzten, Pharmazeuten und Züchtern von grosser Bedeutung für das therapeutische Wirken ist.

Das Projekt wird vom Verein Hortus officinarum und von der Schweizerischen Kommission zur Erhaltung von Kulturpflanzen (SKEK) unterstützt.

Mitarbeiter:
Ruth Richter und Andreas Ellenberger

Mehr Informationen auf der Website des Vereins Hortus officinarum

Unter gleichen Bedingungen gepflanzt – grosse Unterschiede bei den Jungpflanzen
Artemisia annua, ausgewachsen. Links:«Blühtyp». Rechts: vegetativ betonter Typ.
Unterschiedliche Blattformen der beiden Artemisia-Typen
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