Von Worten zu neuen Wirklichkeiten

|   Heilpflanzen, Präparateforschung

Torsten Arncken

Anthroposophie ist eine Wissenschaft, die mit dem Wort beginnt. Durch Worte Rudolf Steiners lernen wir geisteswissenschaftliche Inhalte zuerst, sozusagen dem Namen nach kennen. Später, durch aktives Arbeiten, kommen wir zu eigenen Erlebnissen und Begriffen. Anthroposophische Worte sind wie Pflanzensamen – lebendig, wachstumsfähig – und sie können zu Wahrnehmungsorganen werden.

Für mich wurde z.B. das Wort «Symbolisieren» ein Schlüsselbegriff. Rudolf Steiner gibt im ersten Hochschulkurs (1920) die Anregung zum «Symbolisieren» der reinen Wahrnehmung. Er nennt dies als Möglichkeit, um ausgehend von Sinneseindrücken zu Imaginationen zu kommen. Beim ersten Lesen 1988 spürte ich eine Sehnsucht, dies zu erleben und las die Vorträge immer wieder und diskutierte sie mit Freunden. Ich fand aber keinen Ansatz, Symbole auf differenzierte Sinneseindrücke zu übertragen.

2003 untersuchte ich 24 unterschiedlich gedüngte Pflanzenproben derselben Pflanzenart, die alle verschieden dufteten. Ich konnte die Unterschiede aber nicht beschreiben. Da versuchte ich den Duft während des Riechens zu malen – und wunderbar deutlich kam der Charakter der jeweiligen Aromen heraus. Es geht also nicht um ein fertiges Symbol, sondern darum, in eine symbolbildende Tätigkeit zu kommen. Das Tun ist beim Symbolisieren das Entscheidende.

Seither arbeite ich systematisch mit Düften und der Erweiterung der Wahrnehmung durch Symbolisieren. Es entstand daraus eine Methode, mit der nicht durch eine stille Meditation, sondern durch Sinnes-Beobachtung und Kunst-Aktivität, innere Erfahrungen erreicht werden, die selbst nicht sinnlich sind. So entstehen neue Bewusstseinserlebnisse am Übergang von der Sinneswelt zur imaginativen Welt. Es sind Meditationen an der Sinneswelt. Das Wunderbare ist, dass dies für nahezu alle Menschen ohne komplizierte Vorbereitungen direkt möglich ist, was sich in vielen Workshops gezeigt hat.

Rudolf Steiner bezeichnet die so gewonnenen Wahrnehmungen als Imaginationen. Imaginationen sind die Innenseite der Sinneswahrnehmungen, ihre geistige Seite. Weil ich bei meiner Methode von Sinneswahrnehmungen ausgehe, lassen sich die imaginativen Wahrnehmungen stets auf die Sinneswelt beziehen. Sie sind dadurch objektivierbar, reproduzierbar und diskursfähig, entsprechen also den Anforderungen aufgeklärter Wissenschaft. So bilden diese Erlebnisse eine solide Basis für einen Einstieg in die übersinnliche Welterfahrung. In der Anwendung haben sie mir z.B. ermöglicht, bei der Entwicklung neuer Heilmittel und Kosmetika mitzuarbeiten.

Imaginationen sind vielfältig und verwandeln sich während der Beobachtung. Sie werden als Krafterlebnisse und Bewegungen geschildert und erscheinen wie bewegliche Flammengestalten. Ausgehend von Worten Rudolf Steiners können neue Wahrnehmungen gemacht und neue Wirklichkeiten aufgedeckt werden.

Torsten Arncken malt Duftbilder.
Blattreihen von Artemisia Annua. Von oben nach unten: Ungedüngt, gedüngt mit Eisen, gedüngt mit Zinn, gedüngt mit Blei.
Torsten Arncken beschreibt Blattreihen von Artemisia.
Einführung in die Methode 2020

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