«Jeder neue Gegenstand, wohl beschaut, schließt ein neues Organ in uns auf» so schrieb Goethe über seine naturwissenschaftlichen Arbeiten. Als Forscher entwickeln wir uns in unserer Arbeit und beginnen in der Zuwendung zur Natur geistige Organe auszubilden, die uns mit der Welt tiefer verbinden. Doch ist hier Vorsicht geboten: was Goethe mit der Bedingung «wohl beschaut» meinte, können wir in seiner Farbenlehre ablesen. Sie führt in drei Kapiteln zunächst tief in eine experimentelle Methode, in der der Forschende ein Gespräch mit dem Gegenstand seiner Betrachtung beginnt, an dessen Ende fast ausnahmslos eine tiefe innere Krise steht: Auf dem Weg von den physiologischen Farben in die physischen und schliesslich chemischen Farben geht die Farbe als Erscheinung, als Angeschautes, vollständig verloren – es bleiben Stoffe, Pigmente, Säuren, Basen und Bedingungsgefüge allein übrig. – Doch dann, so beschreibt es Goethe, kann der Forschende in seinem Inneren an den sich in ihm aussprechenden Zusammenhängen (nicht jedoch an den Erscheinungen selbst) die Innenseite der Farben entdecken. Das entsprechende Kapitel heisst bei Goethe «Allgemeine Ansichten nach Innen» und ist erst der Beginn des zweiten Teiles der Farbenlehre mit drei weiteren Kapiteln, in denen Goethe nur noch angedeutet beschreibt, wie wir in der inneren Beobachtung zur Wahrnehmung des Farbenwesens finden. Für Rudolf Steiner war dies, als Herausgeber Goethes, ein Ausgangspunkt zur Entwicklung seiner Geisteswissenschaft.
Rudolf Steiner beschreibt in seinem Werk «Vom Menschenrätsel» (GA 20, 1916), im letzten Kapitel «Ausblicke», wie man vom gewöhnlichen Bewusstsein zu dem sogenannten erwachten bzw. schauenden Bewusstsein kommen kann, in dem man das Denken so verstärkt, dass man zuerst zum Erleben des Gedachten kommt, und weiter noch den Willen in das Denken auf besondere Weise einbringt. Diese besondere Fähigkeit knüpft er direkt an die «anschauende Urteilkraft» von Goethe an: «Diese anschauende Urteilskraft verleiht der Seele, nach Goethes Ansicht, die Fähigkeit, das zu schauen, was sich als die höhere Wirklichkeit der Dinge dem Erkennen des gewöhnlichen Bewusstseins verbirgt.» (S. 159)
Er beschreibt dazu genau, wie man den eigenen Willen schulen und metamorphosieren muss, um diese Seelenfähigkeit zu entwickeln, und verdeutlicht diesen Vorgang am Beispiel der Pflanzenwelt: «Man sucht zum Beispiel eine Pflanze so anzuschauen, daß man nicht nur ihre Form in den Gedanken aufnimmt, sondern gewissermaßen mitfühlt das innere Leben, das sich in dem Stengel nach oben streckt, in den Blättern nach der Breite entfaltet, in der Blüte das Innere dem Äußeren öffnet und so weiter. In solchem Denken schwingt der Wille leise mit; und er ist da ein in Hingabe entwickelter Wille, der die Seele lenkt; der nicht aus ihr den Ursprung nimmt, sondern auf sie seine Wirkung richtet. Man wird naturgemäß zunächst glauben, daß er seinen Ursprung in der Seele habe. Im Erleben des Vorgangs selbst aber erkennt man, daß durch diese Umkehrung des Willens ein außerseelisches Geistiges von der Seele ergriffen wird.» (S. 163, 164)
So beginnt man in der Betrachtung einer Pflanze zuerst mit der äusseren Seite – man stellt ihre Merkmale und viele Details fest. Schon im Versuch, zwischen den Merkmalen Zusammenhänge herzustellen, ist die Umkehrung des Willens notwendig. Man kann die Zusammenhänge fliessend-organisch erst dann erkennen, wenn man in sie eintaucht und versucht, von innen heraus, ihre Entwicklung und alle zum Ausdruck kommenden Qualitäten wach mitzuerleben. So entsteht innerlich ein immer volleres Pflanzenbild, auch im Miterleben ihrer Jahreslaufentwicklung am Standort. Man wird ihrem Wesensanteil immer intensiver begegnen und kann zuletzt ihre Qualitäten sogar moralisch erleben. Wenn das gelingt, dann wird das Objekt der Betrachtung im Subjekt lebendig und eins mit ihm. In die Seele der Betrachtenden fliesst nun das Seelisch-Geistige dieser Pflanze ein: «Und ein solches schauendes Bewußtsein ist in der Lage, die geistige Welt erlebend zu erkennen» (S.164).
Zu diesem Thema werden wir uns am Wochenende nach Pfingsten in einem Meditationskolloquium austauschen. Wir freuen uns, wenn Sie uns in einer Arbeitsgruppe auf Ihrem Forschungsweg mitnehmen wollen und Ihr Schwellenerlebnis – so präzis wie möglich – mit uns teilen.
Wir bitten um die Anmeldung der Arbeitsgruppen bis zum 31. März 2026.
In Vorfreude,
Vesna Forštnerič Lesjak & Matthias Rang
mit dem Team der Naturwissenschaftlichen Sektion am Goetheanum


