In den Einleitungen zu Goethes naturwissenschaftlichen Schriften beschreibt Rudolf Steiner, dass der Mensch aus einem inneren Seelenbedürfnis in der Welt forschend tätig wird. Seit der Neuzeit gab es jedoch die Tendenz, die Forschung von der Sinneswahrnehmung des Menschen abzulösen; gleichzeitig wurde auch das Denken immer abstrakter. Forschende suchten den «objektiven» Blick von aussen und das seelische Erleben wurde mehr und mehr ausgeklammert. So enorm der Erkenntnisfortschritt der Wissenschaft auch ist, so gewaltig hat sie in beidem, in Welt und Mensch, die Sinnhaftigkeit verloren. Mit dem goetheanistisch-anthroposophischen Ansatz lässt sich die apparative und technisch dokumentierte Forschung wieder mehr mit dem Menschen zu verbinden. Ein erster Schritt dazu ist, sich bewusst der eigenen Sinnesorganisation zuzuwenden.
Das Kind entwickelt mit Lebenssinn, Gleichgewichtssinn, Eigenbewegungssinn und Tastsinn zunächst ein Verhältnis zu seinem eigenen Leib. Mit dem Frei-werden der Hände beginnt es, die Welt im wahrsten Sinne des Wortes zu begreifen – Wärmesinn, Sehen, Riechen und Schmecken eröffnen eine vielgestaltige Welt von Empfindungen und Gefühlen. Und schliesslich lernt es den Hör-, Laut-, Begriff- und Ich-Sinn zu betätigen, Ausgangspunkt für die Gedankenwelt. Mit der Entwicklung des Selbstbewusstseins taucht gleichzeitig Weltbewusstsein auf.
Was das Kind unbewusst entwickelt, sah Goethe als Vorbild für den Wissenschaftler, der die Sinne achten und bewusst einsetzen muss. Die Entwicklung neuer Sinne beginnt durch ein Einleben in Naturvorgänge – zum Beispiel, indem das Wachstum einer Pflanze in der Zeit verfolgt wird. In diesem Prozess wird erlebbar, dass die Entwicklung der Pflanze kein Gegenstand ist, dem man gegenübersteht. Das Denken muss sich am Bildhaften der Natur beteiligen und aus vielen Beobachtungen ein inneres Kräftebild der lebendigen Pflanze nachschaffen, das über intellektuelles Wissen hinausgeht. Dieses lebendige Bewusstsein, durch das der Mensch die pflanzliche Lebendigkeit in seiner ätherischen Organisation erlebt, wird das imaginative Bewusstsein genannt.
In unserer Seele lebt geistige Aktivität auf, in der wir die Innenseite der Natur erfahren können. Vollmenschlich sind wir in der Welt, wenn die Sinne in Leib, Seele und Geist ihre Wirksamkeit entfalten dürfen. So wird die Welt nicht nur in ihrem Gewordensein, sondern auch in ihrem Werden in unserem Bewusstsein lebendig.
Sehr herzlich laden wir Sie ein, an unserer diesjährigen Herbsttagung vom 8. bis zum 11. Oktober 2026 über dieses Thema ins Gespräch zu kommen und mit Ihren Gesichtspunkten, Arbeiten und Forschungspräsentationen aktiv beizutragen.