Züchtung: Dynamische Interaktion zwischen Mensch, Pflanze und Umgebung

|   Heilpflanzen, Präparateforschung

Reto Gabriel & Ruth Richter

Nimmt man eine Wildpflanze in Kultur und vermehrt sie einige Male über Samen, geschieht es nicht selten, dass sie anfällig für Krankheiten wird. Das Tausendgüldenkraut, ein kleines, zartes Enziangewächs mit leuchtend rosa Blüten ist ein wichtiges Bitterkraut und wird in vielen Verdauungs-Heilmitteln verwendet. Obwohl sein Anbau einige Schwierigkeiten bereitet, wird es von verschiedenen Naturheilmittelfirmen kultiviert. In Jahren, die das Auftreten von Pilzen begünstigen, fällt die Ernte an den meisten Orten mager aus. Es steht also die Aufgabe an, eine pilztolerante und homogene Tausendgüldenkraut-Sorte für ökologisch nachhaltige Anbausysteme zu züchten.

Zuerst sammeln wir alle verfügbaren Herkünfte und schauen, wie sie sich unter gleichen Anbaubedingungen verhalten. Gibt es schon den idealen Typ, der dem Pilzbefall vital und blütenreich trotzt? Schon im ersten Anbaujahr zeigten sich deutliche Differenzen: Einige Herkünfte erwiesen sich als kräftiger, andere brachen stark ein. Von drei Herkünften wurden jeweils die zehn vitalsten Pflanzen isoliert, um Einkreuzungen mit schwächeren Pflanzen zu vermeiden.

Für die nächste Projektphase wurden zwei Typen mit unterschiedlicher Wuchshöhe sowie eine besonders anfällige Herkunft als Kontrolle angebaut. Im folgenden Jahr herrschten aussergewöhnlich feuchte und milde Wetterbedingungen, die zu einem besonders hohen Pilzdruck führten. Die Auswinterungsverluste verdeutlichten die Unterschiede: Während der niedrig wachsende Typ nur rund 12 % der Pflanzen verlor, brach der höhere Typ mit über 70 % stark ein. Die Kontrolle erlitt in diesem Jahr einen Totalausfall. Von ursprünglich 120 Pflanzen pro Herkunft blieben nur wenige übrig. Bemerkenswert war, dass die wenigen überlebenden Pflanzen des ersten Typs vitaler wirkten, buschiger verzweigten und früher blühten. Dank ihrer Robustheit konnte Saatgut geerntet werden und lieferte eine wichtige Selektionsgrundlage. Hohe Verluste durch Pilzdruck waren nicht hinderlich, sondern hilfreich, da sie eine harte Auslese ermöglichten.

Mindestens zwei Forschungsfragen stehen an dieser Stelle im Raum: Kann das Tausendgüldenkraut sich ausreichend selbst befruchten, wenn es zur Blütezeit isoliert wird, ohne dass Bestäuber Zugang haben? Es finden sich Studien, die die Frage der Umstellung auf Selbstbefruchtung bei Bestäubermangel untersucht haben – das Tausendgüldenkraut zeigte diese Fähigkeit, jedoch mit unterschiedlichen Ergebnissen. Ein Vergleich zwischen Jungpflanzen von isolierten gegenüber offen abgeblühten Mutterpflanzen zeigte bei uns eine grössere Homogenität des Bestandes aus isoliertem Saatgut, jedoch mit einer geringeren Vitalität. Daher werden wir die Isolation von Einzelpflanzen künftig eher vermeiden. Die Isolation eines ganzen Beetes unter Einsatz von Schwebefliegen für die Bestäubung muss noch erprobt werden.

Die zweite Frage: Sind die Pilzkrankheiten, die zur verfrühten Welke führen, möglicherweise schon mit den Samen verbunden? Um diese Frage zu beantworten, wurde Saatgut mit Dampfbehandlung zur Reduktion von Sporenbelastungen im Vergleich mit unbehandeltem Saatgut ausgesät und gepflanzt, und die Jungpflanzen wurden unter gleichen Bedingungen angebaut.

Im nächsten Versuchsjahr zeigten sich die Witterungsbedingungen konträr: Nach einer Trockenphase im Frühjahr folgten Regenperioden, der Sommer verlief jedoch extrem heiss und trocken. Dadurch war der Pilzdruck so gering, dass die entscheidenden Fragestellungen zur Pilztoleranz nicht beantwortet werden konnten. Weder die Wirkung der Dampfbehandlung des Saatguts noch der Erfolg der vorangegangenen Selektion liessen sich klar bewerten. Dennoch ergaben sich wichtige Beobachtungen. Wir konzentrierten uns auf Positiv- und Negativselektion im Bestand: Schwache und befallene Pflanzen wurden entfernt, vitale Pflanzen gezielt für die Weiterzucht ausgewählt. Interessanterweise gab es Individuen, die eine Tendenz zu einem einjährigen Lebenszyklus zeigten, was ein neues mögliches Zuchtziel eröffnet, da einjährige Pflanzen den Krankheitsdruck im Frühjahr umgehen könnten.

Pflanzenzüchtung heisst, durch jahrelangen Umgang mit einer Art ein lebendiges Bild der Möglichkeiten und Grenzen dieses besonderen Pflanzentyps innerlich zu erfahren. Erst mit einem beweglichen inneren Bild kann die Züchterin erkennen, welche Eigenschaften eine zukünftige Pflanze haben soll – und in der Vielfalt auf dem Acker die «Richtige» auswählen.

 

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Blühendes Tausendgüldenkraut...
mit bestäubender Schwebefliege.
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